Wie komplex war die Wirtschaft des Römischen Reiches?

Die wirtschaftlichen Turbulenzen, die Europa und die Welt seit 2008 heimsuchen, haben u. a. gezeigt, dass die auf vereinfachenden, „linearen“ Modellen basierenden Theorien der klassischen Wirtschaftswissenschaften der tatsächlichen Komplexität ökonomischer Systeme nicht entsprechen. „Complexity economics“ bezieht hingegen diese Phänomene von Beginn an in ihrer Überlegungen mit ein. Doch ist ökonomische Komplexität ein Charakteristikum der modernen Wirtschaft oder kennzeichnete sie auch die Ökonomien der Vergangenheit wie etwa des Römischen Reichs? Dieser Frage gehen Historiker, Archäologen und Mathematiker im September 2015 in einem Workshop in Sagalassos (Türkei) nach.

Unter dem Titel „Complexity: a new framework to interpret ancient economic proxy data“ versammeln Jeroen Poblome (Universität Leuven, Belgien) und Koen Verboven (Universität Gent, Belgien) vom 11. bis 12. September 2015 eine Reihe von Experten aus mehreren Ländern, um der „Dynamik ökonomischer Systeme im Imperium Romanum“ auf den Grund zu gehen (http://www.rsrc.ugent.be/sdep/complexity).

Der Ort der Tagung selbst, die Ruinenstätte von Sagalassos, ca. 100 km nördlich von Antalya und seit 1991 von belgischen Archäologen systematisch erforscht, ist ein beeindruckendes Monument dieser Dynamik: die Stadt wurde unter römischer Herrschaft zu einem wichtigen Zentrum der Provinz Pisidien und florierte bis ins 6. Jh., wie die Pracht der Überreste der öffentlichen Bauten wie etwa des Theaters demonstriert. Ab der Mitte des 6. Jh.s verfiel die Stadt aber (wie viele andere Zentren Kleinasiens in dieser Zeit) und wurde im späteren 7. Jh. verlassen, ohne jemals wieder in großem Umfang besiedelt worden zu sein. Als mögliche Ursachen werden die ab 542 in Wellen wiederkehrende Pest, Klimawandel und feindliche Invasionen (im 7. Jh. zuerst die Perser, danach die Araber) bzw. eine Kombination dieser Faktoren genannt (http://www.sagalassos.be/).

Abb.: Das römische Theater von Sagalassos (Pisidien/heute Türkei)

 

“Complexity economics”, ein Anwendungsbereich der Komplexitätswissenschaften, der insbesondere ab den 1990er Jahren aufblühte, geht, wie W. Brian Arthur, eine der Pioniere dieser Wissenschaft ausführt, von „der Annahme aus, dass Wirtschaft sich nicht notwendigerweise im Gleichgewicht befindet: wirtschaftliche Akteure (Firmen, Konsumenten, Investoren) verändern ständig ihre Aktionen und Strategien in Reaktion auf die Resultate, die sie im Wechselspiel miteinander erzeugen. (…) Komplexitätsökonomik sieht die Wirtschaft also in Bewegung, sich ständig selbst „berechnend“, sich ständig neu konstruierend. Während die Gleichgewichtsökonomik Ordnung, Determinanz, Deduktion und Stasis betont, betont die Komplexitätsökonomik Kontingenz, Indeterminanz, Sinn-Stiftung und Offenheit für Veränderung“. (W. B. Arthur, Complexity and the Economy. Oxford 2015, 1). Das wechselhafte Schicksal großer Siedlungen wie Sagalassos scheint auf vergleichbare komplexe Dynamiken der römischen Wirtschaft hinzudeuten.

Abb.: Die Wirtschaft des Römischen Reichs im Prinzipat (1.-3. Jh. n. Chr.) (von: agiw.fak1.tu-berlin.de)

 

Tatsächlich besteht aber kein Konsens über wesentliche Merkmale einer Komplexität der Wirtschaft des Imperium Romanum. Eine intensive Debatte kreist um den Grad der wirtschaftlichen Integration innerhalb des Römischen Reiches: war es eine „enorme Ansammlung wechselseitig abhängiger Märkte“, deren wirtschaftliche Verflechtung auch in einer Interdependenz der Preisentwicklung in verschiedenen Regionen resultierte (so Peter Temin)? Oder müssen wir annehmen, das „Konnektivität und Isolation sehr ungleich“ über eine tatsächlich fragmentiere Mittelmeerwelt verteilt waren, innerhalb der sich nur einige wenige Inseln integrierter Märkte befanden (so Paul Erdkamp oder Peter Fibinger Bang). Eine andere Diskussion konzentriert sich auf die Rolle und den Anteil des Staates in und an der Wirtschaft: war das Römische Reich ein „tributbasiertes Imperium“, dessen Transfer von Gütern für die Armee oder die Versorgung der imperialen Hauptstädte den vorherrschenden (oder sogar einzigen) Sektor von Handel im großen Umfang darstellte? Bestimmten die Bedürfnisse und die Logistik des Imperiums zumindest in einem hohen Masse Orientierung und Bedeutung der Achsen der überregionalen Verteilung sowohl für den staatlichen als auch den privaten Sektor? Oder unterliegen wir einer „Überschätzung des staatlich kontrollierten Sektors der Wirtschaft“ (so Jean-Michel Carrié), die uns zu der “unangemessenen und unrealistischen Idee” verleitet “dass die imperiale Wirtschaft durch ein große Verteilungssystem kontrolliert war" (so Peter Fibinger Bang)?

Abb.: Eine komplexe integrierte römische Marktwirtschaft hätte auch manche unerwartete Probleme mit sich gebracht (aus: Asterix-Band Nr. 23: "Obelix GmbH & Co.KG")

 

Wiewohl der staatliche Sektor der Wirtschaft in unseren Quellen sicher überrepräsentiert ist, so bieten uns diese Texte zumindest Grundlagen für Überlegungen zum (minimal notwendigen) Umfang und Grad der organisatorischen Komplexität, um den “Fluss an Ressourcen und Bevölkerung” aufrechtzuerhalten, auf den das Reich für sein Überleben angewiesen war (Sam White nennt dies “imperiale Ökologie”). Ebenso „rehabilitieren“ jüngste Debatten in der Wirtschaftsgeschichte die Bedeutung des Staates für die Entwicklung einer Wirtschaft; P. Vries etwa bezeichnet staatliche Aktivität als „nicht ausreichende, (…) aber notwendige Bedingung“ für das wirtschaftliche Wachstum vor-moderner Wirtschaften. Der Zusammenbruch des (West)Römischen Reiches im 5. Jh. bietet auch argumenta ex negativo für die Bedeutung des imperialen Rahmens für die ökonomische Komplexität bzw. ihrer Entwicklung in Abwesenheit dieses Rahmens. Eines der bemerkenswertesten Charakteristika der römischen Wirtschaft war die weitreichende Verbreitung von Gütern (insbesondere belegt durch Keramikfunde), „nicht nur geographisch (über hunderte von Meilen), aber auch sozial (sodass sie nicht nur die Reichen, sondern auch die Armen erreichte“, wie Bryan Ward-Perkins darlegt.

Abb.: Schätzung der Entwicklung wirtschaftlicher Komplexität in verschiedenen Regionen der (post)römischen Welt, aus: B. Ward-Perkins, The Fall of Rome and the End of Civilization. Oxford 2005.

 

Ward-Perkins stellt auch fest, dass der Zusammenbruch des Imperium Romanum in Westeuropa mit einem „Ende dieser Komplexität“ einherging, sodass sogar „an den wenigen Orten, wie etwa Rom, wo die Produktion und Importe von Keramik immer noch außergewöhnlich reichhaltig blieben, das mittlere und untere Marktsegment für Qualitätsgüter vollkommen verschwand.“ Eine solche Interpretation des Endes des römischen Wirtschaftssystems impliziert wiederum einen beachtlichen Grad an Interdependenz in den vorangehenden Jahrhunderten, denn ansonsten hätte sein Zusammenbruch selbst relativ periphere Gebiete wie das römische Britannien nicht in einem solch dramatischen Ausmaß beeinflusst. Vielmehr wäre nach dem Verschwinden des übergreifenden imperialen Rahmens eine Ansammlung „isolierter“, vielleicht „autarker“ Cluster von Siedlungen oder Regionen (wieder) sichtbar geworden, deren (dann nur marginal reduzierter) Wohlstand so wie zuvor hauptsächlich auf ihrer internen sozio-ökonomischen Dynamik basiert hätte. Dies war aber offensichtlich nicht der Fall, und die Fragmente des früheren Systems waren alleine weniger als ihre Summe (wie man es für ein komplexes System erwarten würde).

Abb.: Das Römische Reich als Netzwerk der Interaktion zwischen Siedlungen (weiß) und der mögliche Zerfall in regionale Cluster (gelb) entlang strukturell angelegter Bruchlinien (Netzwerkmodell und Grafik: J. Preiser-Kapeller, 2014)

Diesen Fragen und möglichen Methoden und Daten zu ihre Beantwortung werden sich die Forscher in Sagalassos widmen; aus dem Workshop soll auch ein Buch hervorgehen. Die Ergebnisse werden auch für Überlegungen zur Komplexität und Dynamik moderner Wirtschaftssysteme relevant sein.

Johannes Preiser-Kapeller, ÖAW - RGZM

Literatur:

W. B. Arthur, Complexity and the Economy. Oxford 2015.

P. F. Bang, The Roman Bazaar: A Comparative Study of Trade and Markets in a Tributary Empire. Cambridge 2008.

J.-M. Carrié, Were Late Roman and Byzantine Economies Market Economies? A Comparative Look at Historiography, in: C. Morrisson (Hrsg.), Trade and Markets in Byzantium. Washington, D. C. 2012, 13-26.

P. Erdkamp, The Grain Market in the Roman Empire: A social, political and economic study. Cambridge 2005.

A. W. Mees, Die Verbreitung von Terra Sigilatta aus den Manufakturen von Arezzo, Pisa, Lyon und La Graufesenque. Mainz 2011.

J. Preiser-Kapeller, Networks as Proxies: A Relational Approach towards Economic Complexity in the Pre-Modern Period. Beitrag für den Workshop “Complexity: a new framework to interpret ancient economic proxy data”, Sagalassos, 11.-12. 9. 2015 (pre-print online: http://www.academia.edu/14599966/Networks_as_Proxies_a_relational_Approach_towards_Economic_Complexity_in_the_Pre-Modern_Period)

J. A. Tainter, The Collapse of Complex Societies (New Studies in Archaeology). Cambridge 1988

P. Temin, The Roman Market Economy. Princeton – Oxford 2013.

P. Vries, State, economy and the Great Divergence. Great Britain and China, 1680s-1850s. London u. a. 2015.

B. Ward-Perkins, The Fall of Rome and the End of Civilization. Oxford 2005.

S. White, The Climate of Rebellion in the Early Modern Ottoman Empire (Studies in Environment and History). Cambridge 2011.